Navigation Menu+

About Silence – oder der Tag der toten Gesichter 

Gepostet am Nov 10, 2017 von in Allgemein | 6 Kommentare

Geschirr klappert, Stuhlbeine scharren über den Boden und die Papaya schmeckt richtig gut heute. Ich schaue mich um, ob jemand mein subtiles Grinsen wegen der Geschmackexplosion in meinem Mund bemerkt hat – ne. Alle starren in ihre Müslischüsseln. Der Tag der toten Gesichter, denke ich und entdecke ganz da hinten neben einem Resting Bitch Face tatsächlich auch ein Resting Bliss Face. Die hat wohl gerade die Papaya probiert… Ich muss noch breiter grinsen. Da kommen mir unser Lehrer und seine tatsächlich sehr weisen Wanddekor-Sprüche in den Sinn: „You don’t need reasons to smile“ – Recht hat er. An meine Wohnzimmerwand kommt es zwar nicht, aber ich nehme mir seinen Spruch zu Herzen.

Kein Blickkontakt, kein Reden, kein Internet – was also tun?!

Irre irgendwie, dass hier rund 60 Leute unterwegs sind und bis auf ein paar Räusper und Schnäuzer nichts zu hören ist. Heute heißt es: Einfach mal die Klappe halten – oder: Silent Day. So ein Tag in Stille soll den Fokus auf jeden selbst richten. Wird sind hier täglich jeder Menge Input ausgeliefert, wir arbeiten in Gruppen, reden über Meditation und die Welt und machen täglich gemeinsam Yoga. Recht anstrengend das Ganze. Umso stärker habe ich diesen Tag herbeigesehnt, an dem sich jeder mal mit sich selbst beschäftigen soll: kein Blickkontakt, kein Reden, kein lernen, kein Internet. Kann ja heiter werden. Ich kann ja nicht mal 15 Minuten regungslos am Strand liegen. Aber Challange accepted.

Vom stummen Zusammenleben in einem Raum

Die Stunde Meditation am Morgen war einfach. Augen zu und still sein. Danach zwei Stunden Yoga (jeder für sich selbst) – auch einfach. Zum Frühstück renne ich fast – ich meide jeden Blickkontakt und komme mir dabei wahnsinnig unfreundlich und unhöflich vor. Richtig seltsam war es gleich nach dem Aufstehen. Zwar habe ich versucht, meiner Mitbewohnerin Kat nur im dunkeln zu begegnen, aber ein „Guten Morgen“ wäre halt doch nett gewesen.

Nasendusche mit dem gewissen Etwas

Vor mir türmt sich ein Berg Früchte auf, daneben ein See Porridge und einer mit Chai. Läuft. Weil es gerade super bequem ist,  will ich mein Heft herausholen und mal Notiren, was ich hier so mache. Scheiße, denke ich, meine Lippen formen das Wort, das hier eh nur eine Handvoll Leute verstanden hätte. Aus meiner Tasche kommt mir der scharfe Geruch von schwarzem Pfeffer, getrocknetem Ingwer, Cardamon und Muskatnuss entgegen. Mein Masala-Tee-Pulver (mit dem ich den recht faden Chai aufpimpe) paart sich gerade mit dem Leinenstoff meiner Tasche – und meinem Neeti Pot. Die nächste Nasendusche wird interessant, denke ich und widme mich meiner Papaya.

Ist Nägelfeilen Meditation?

Die nächsten zwei Stunden vergehen wie im Flug. Allein am Strand ist’s auch mal ganz schön und mein Mittagessen schmeckt plötzlich viel intensiver – so ohne Smalltalk, Instagram und Eile. Auf einen Sinn kurzzeitig mal zu verzichten, ist gar nicht so übel. Plötzlich wird alles ein bisschen bewusster. Auch das Feilen meiner Nägel. Denen widme ich mich nämlich zum Nachtisch. Während Kat schläft, starre ich meine Zehen an. Zeit wird’s. Ja, Yoga schafft Bewusstsein – auch für ganz banale Dinge.

High Five an meinen Geist

Alle sind irgendwo. Ich auch. In Gedanken. So ein Tag der Stille kann einfach nur ein recht ruhiger werden, oder einer, an dem man sich selbst, seltsame Angewohnheiten oder Denkweisen hinterfragt. Ich suche mir aus dem Strauß an Marotten etwas aus, spreche mit mir selbst in Gedanken – und merke jetzt, wie bescheuert das klingt. Dennoch geben sich mein Geist und ich ein High Five. Und jetzt sitze ich hier – und denke.

Leichenschmaus zum Abendessen

Das mache ich auch noch beim Abendessen. Wo irgendwie alles noch viel gruseliger aussieht. Zu den toten Gesichtern haben sich ein paar krebsrote gesellt. Niemand spricht. Die, die es am Strand getan haben, mischen sich jetzt brav unters stumme Volk. Ist jemand gestorben? Sind wir hier beim Leichenschmaus? Jetzt hasse ich die Stille kurz, das Klappern des Bestecks und das Schmatzen der Person neben mir. Es ist anstrengend, still zu sein. Ich würde denen, die ich hier lieb gewonnen habe, gern erzählen, was ich heute erlebt habe. Sie fragen, was sie gemacht haben, wie sie das still sein finden. Doch ich kann nicht. Und dabei sind es nur 24 Stunden Stille. Lächerlich, denke ich. (Update vom Tag danach: Heute ist dieser Gedanke noch viel lächerlicher…)

Ich freue mich jetzt richtig auf die Meditation, die gleich im Anschluss ist. Einfach, um jemanden reden zu hören. Ein Stunde Schneidersitz und gerade Sitzen – wie schön das sein kann, merke ich genau in diesem Moment. Ich brezle meine Beine, wackle mich zurecht und betrachte kurz meine wieder hübschen Zehen. Subtiles Grinsen. Diesmal blieb’s nicht unbemerkt: Ein Mädchen in der Ecke des Raums schaut mich an und lacht.

6 Kommentare

  1. 24 Stunden Stille, wie wunderbar ist doch die Begegnung mit dem eigenen Ich. Dein Beitrag hat mich berührt!

    • Ui. Das ist ein großes Lob! Danke dir.

  2. Anspannung-Entspannung – das kann nicht jeder, dennoch ist es so wichtig für uns.
    Körper, Geist, Seele und Atem zu vereinen ist eine schwere Aufgabe, Du meisterst dies wirklich gut.

    • Liebe Jutta. Ja, sehr wichtig! Und dafür muss man nicht gleich mit Yogaasanas anfangen. Es reicht auch, einfach nur sein Abendessen oder sein Bier so richtig bewusst zu genießen.

  3. Sollte nicht jeder mal einen “stillen Tag” in der Woche oder im Monat haben? Wäre für unsere Welt wunderbar. Fangen wir mit einem täglichem Lächeln an.
    Es macht Freude, deine Berichte zu lesen!

    • Danke, Evelin! Schön, dass du immer wieder vorbeischaust 🙂

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.