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Wampediboo beim Physio – heute: Hinterschinken vom Schwein und der verflixte Oberschenkel

Gepostet am Apr 14, 2017 von in Allgemein, Gesundheit, Yoga | Keine Kommentare

Er ziept, er hindert und spätestens bei der Vorbeuge merken wir: Er ist wieder da. Der hintere Oberschenkel ist der Körperabschnitt, mit dem jeder angehende Yogi gleich in der ersten Yogastunde Bekanntschaft macht. In nahezu jeder Haltung (Asana) spielt er eine Rolle.

Viele fragen sich: „Warum komm ich nicht zu meinen Zehen ohne dieses Ziehen, Drücken, Bohren oder gar Brennen vom Po bis in die Kniekehlen zu spüren?“ Einigen anderen drängt sich die Frage auf: „Bis zu den Zehen? Weltreise!“ Und ein paar Vereinzelte, von Gott, Darwin oder den Eltern mit einer großzügigen Beweglichkeit gesegnet, sagen jetzt: „Was soll ich spüren?“

Die klinischen Zeichen (Ziehen, Drücken, …) die sich bei der Vorbeuge im Stand äußern, lassen sich nicht nur auf ein System, wie beispielsweise Muskulatur, Gelenke oder das Nervensystem reduzieren.

Zu Beginn unserer ersten Anatomiestunde befassen wir uns mit der Muskulatur. Genauer gesagt, mit der Skelettmuskulatur. Die meisten haben eine ungefähre Vorstellung von der Skelettmuskulatur, die uns Hollywood oder Herr S. im Biologieunterricht in der 5. Klasse beigebracht hat. Keine Angst, jetzt kommt weder ein Test an der Tafel noch ein ausführlicher Bericht über Evolutionstheorie. Auch sparen wir uns den allgemeinen Aufbau und die Einteilungsmöglichkeiten der beteiligten Muskulatur. Hierfür gibt es ausreichend Bebildertes in göttlich betitelten Anatomieatlanten (z.B.: Prometheus).

Hinterschinken vom Schwein und ein Zwicken am Po

Wir beschäftigen uns jetzt mit einer Muskelgruppe, die im anglo-amerikanischen Sprachraum auch bezeichnenderweise als „Hamstring“-Gruppe in den Büchern zu finden ist. Da Latein die Fachsprache der Anatomen ist, bezeichnen wir sie korrekterweise als Mm. ischiocrurales. An alle T9- und Rechtsschreibfanatiker: Das zweite „M“ vor dem Punkt ist kein Tippfehler oder irgendein Wortwitz, sondern die Abkürzung des Plurals von „Muskel“. Wie die Mehrzahl nun vermuten lässt, besteht diese Muskelgruppe aus mehreren Anteilen. Einem Außenliegenden (M. biceps f
emoris) und zwei Innenliegenden (M. semitendinosus und M. semimembranosus), die sich vom Sitzbeinhöcker (tuber ischiadicum) des Beckens (Muskelursprung) bis zum Unterschenkel (Muskelansatz) „erstrecken“. Ja, korrekt gelesen: Unterschenkel. Somit verbinden sie das Schienbein mit dem Becken. Abgefahrene Vorstellung, wenn man sich vor Augen führt, dass der Po unterhalb des Kniegelenks endet…

Tiefenentspannt in die Muskelfunktion

Nachdem die Lage der Hamstringmuskulatur geklärt ist, widmen wir uns ihrer Funktion. Diese gibt nämlich u.a. Aufschluss über die oben beschriebene Problematik. Ein Muskel besitzt wörtlich übersetzt nur eine Eigenschaft. Er kann sich zusammenziehen. Bevor jetzt alle Fitnessjunkies kopfschüttelnd aufschreien und den Artikel schließen, weil z.B. ziemlich viele freeletics-Übungen auch ein kontrolliertes Nachlassen zwischen Ursprung und Ansatz beinhalten, dürfen Sie mit kurzzeitig erhöhter Herzfrequenz weiterlesen und
sich anschließend tiefenentspannt den Beitrag über Stadtplanung und twerkende Muskeln durchlesen. Alle anderen, die sich jetzt denken, was das ganze Gefasel soll, lesen einfach in ihrer inneren Ausgeglichenheit weiter.

Mit einem langen „Oooooohmmmmmmm!“ geht’s nun rein in Makroskopie der Muskelfunktion der Mm. ischiocrurales. Die Lage eines Muskel in Bezug auf Gelenkdrehpunkte ist für dessen Funktion von elementarer Bedeutung. Klingt wichtig, ist es auch. Am Beispiel unserer Schinkenfreunde lässt sich diese Theorie erklären. Der Ursprung am Tuber ischiadicum befindet sich hinter der Beuge-Streck-Achse des Hüftgelenks. Demzufolge werden alle drei Muskeln in der Hüfte beim konzentrischen zusammenziehen eine Streckung des Gelenks provozieren. Im Kniegelenk verursachen sie v.a. bei freiem (kein Bodenkontakt) Unterschenkelhebel ebenfalls ein Beugung und je nach Anteil eine Drehbewegung (fachsprachlich: Rotation) nach innen (M. semitendinosus und M. semimembranosus) oder außen (M. biceps femoris).

Vom Hick-Hack zum Zwick-Zwack

Nach langer Einleitung nun endlich zu unserem Zwick-Zwack am Oberschenkel vom Beitragsbeginn.
Reduziert man die Entstehung der Problematik auf einen einzelnen Muskel, so kann man über dessen Längentoleranz oder umgangssprachlich Dehnfähigkeit trefflich diskutieren. Bringen wir jetzt das eben Gelernte zusammen, dann wird die Muskelgruppe bei der Vorbeuge im Stand oder im Sitz auf dem Boden mit gestreckten Kniegelenken an beiden Enden in die Länge gezogen. Unsere Reihenhausfreunde (aus dem „Nachbarartikel„) müssen sich dann, ob sie möchten oder nicht, loslassen. Sie müssen dem Muskel Länge geben und ihre Beziehungen werden ziemlich auf die Probe gestellt, sie werden gedehnt.

Da die Hamstrings allerdings zweigelenkig sind, besitzen sie eine Besonderheit. Sie können sich, indem sie das andere Ende der Hausreihe informieren, in eine komfortablere, beziehungsschonendere Ausgangslage bringen. Sie bitten die „Kollegen“ am Kniegelenk etwas mehr Länge zu geben indem sie das Kniegelenk in Beugung bringen. Somit leihen sie sich etwas Gewebe und können sich länger umarmen. Weniger Gemecker am Oberschenkel entsteht.

Ein kleines Problem hätten wir allerdings noch. Aktin und Myosin bewohnen das Oberschenkelrückseitenstadtviertel nicht allein. Sie teilen sich den Ortsteil mit Nerven, Blutgefäßen, Faszien und zahlreichen anderen Gewebefreunden. Somit lässt sich die beschriebene Problemstellung nicht nur auf die Muskulatur reduzieren.

Wie Herr S. im Biologieunterricht bereits sagte: „Wissen muss gut portioniert sein, damit man sich nicht daran sattfrisst.“ Deshalb werden wir uns wieder sehen, um in die entfernten Galaxien angrenzender Wurstwaren der Anatomie vorzudringen und zu erfahren, wie Vielschichtig das Ziehen, Drücken, Bohren oder gar Brennen vom Po bis in die Kniekehlen sein kann.

Wie trainiert man den hinteren Oberschenkel? Klickt hier: Yoga-Übungen

 

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