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wampediboo liest „Spirit Yoga“ von Patricia Thielemann

Gepostet am Dez 23, 2018 von in Allgemein, Bücher | Keine Kommentare

Spirit Yoga - von Patricia Thielemann

Neulich in der Buchhandlung. Ich passiere die Regale mit den Romanen und den Reiseführern und stehe plötzlich vor einer Klangschale. Daneben Räucherstäbchen. Und Yogamatten gibt’s auch gleich noch zu kaufen. Und natürlich unendlich viele Ratgeber und Buchtitel, die mindestens einmal das Wort Achtsamkeit oder Yoga beinhalten.
Bei all der Reizüberflutung: Welches ist denn nun das richtige Yogabuch? Brauch ich überhaupt eins, oder reichen auch YouTube und Wikipedia? In meiner neuen Rubrik stelle ich euch in loser Reihenfolge einige Bücher vor, die mir irgendwann einmal beim Stöbern in der Buchhandlung in die Quere gekommen sind – von praktischen Übungen über Meditation über spannende Biografien bis hin zum Gute-Laune-Ratgeber.
Jetzt steht eine Frau im Vordergrund, die mit schonungslos ehrlichen Worten über ihre Kindheit und ihre ehrgeizige Karriere 224 Seiten zur schnellen Abendlektüre machen.

Wenn Empfangspersonal die Schüler im Yogastudio eincheckt, lässt das schon einige Schlüsse zu. Steht dann neben dem frischen Tee mit eigenem Studiologo noch ein Buch mit dem Gesicht der Leiterin auf dem Tresen, ist klar: Die hat’s geschafft. Geschafft, als Yogalehrerin so bekannt zu werden, dass eifrige Schüler sich regelrecht um Plätze für ihre Liforme- oder Lululemon-Matten battlen – so wie um das passendste #Yogaoutfit-of-the-day. Patricia Thielemann ist wohl die bekannteste deutsche Yogalehrerin und für viele nicht nur wegen ihres Unterrichts ein Vorbild, sondern auch wegen ihres unermüdlichen Businesseifers. Als ich nach Berlin kam, war Spirit Yoga das Studio von dem ich zuallererst (mehrfach) gehört hatte. Es hat jedoch fast ein Jahr gedauert, bis ich es tatsächlich besucht habe – zuerst war ich in dutzenden anderen und habe mir ihr Buch „Spirit Yoga“ besorgt.

So taff diese Frau auf dem Cover aussieht, so taff erzählt sie im Buch von ihrer Kindheit in Hamburg, von ihrer ebenso taffen Mutter, die dreimal ungewollt schwanger wurde, sich aber nur bewusst für eines entschied und dieses zur Welt brachte: Patricia. Die Eltern ließen sich scheiden, da war sie gerade vier.

Spirit Yoga - von Patricia Thielemann

Spirit Yoga – von Patricia Thielemann

Von diesem Zeitpunkt an wuchs sie bei ihrem freigeistigen  „warmherzigen, narzisstischen Paradiesvogel“, ihrem Vater, auf. Ihre Mutter stürzte in eine Alkoholabhängigkeit. Doch auch das erlebte Thielemann mit und so verbrachte sie Stunden in den wilden Bars mit Transvestiten ihres Schwulen Stiefvaters. Warum das alles direkt zu Beginn des Buches in einer strikten Chronologie erwähnt wird? Weil es so wunderbar unverblümt beschreibt, wer die Person hinter der Yogagröße ist: Ein unermüdliches und unerschrockenes Arbeitstier mit narzisstischen Zügen, viel Mut und ein bisschen Leichtsinn und scheinbar immer wissenend, was da kommen wird. Der Untertitel ihres Buches „Aufrecht, stark und klar im Leben“ trifft’s – denn zu Aufrichtigkeit und Klarheit gehört eben auch, die Yogahosen runter zu lassen und den Lesern mit einer der bedeutendsten Yogaphilosophien, Satya (Wahrhaftigkeit), das eigene Leben zu verdeutlichen.

„Wenn ich heute als Yogalehrerin erfolgreich bin dann nicht,weil ich jeden Tag im Kopfstand stehe (das tue ich auch), sondern weil ich das Leben an mich heran lasse, weil ich geschult bin, as Niederlagen zu lernen, um dann noch beherzter wieder aufzustehen.“ – Patricia Thielemann

Thielemann gint 1997 nach Los Angeles, um dort ihre Schauspielkarriere zu starten. Letztlich startete sie aber eine ganz andere: ihre Yogakarriere. Sie besuchte das Studio von Ana Forrest, lernte in heißen Räumen Yoga bis an die eigenen Grenzen zu praktizieren, ihre Kindheit zu verarbeiten und sich selbst kennenzulernen. Sie absolvierte mehrere Ausbildung bei Ana Forrest, blieb dort viele Jahre, um dann nach der schweißtreibenden männlichen Praxis, den weiblichen Part zu suchen. So folgte sie Shiva Ream Seane Corn und Bryan Kest (der mittlerweile für Workshops in ihr Studio kommt). Sie arbeitete so hart, bis sie zu den Top ten der Yogaelite in Amerika zählte. Nach Unterrichts mit Barbieyoginis und ihren Herzchirurgen-Männern hatte Thielemann genug und reiste zurück nach Deutschland – und kaufte ihre ersten heiligen Yogahallen.

„Ich glaube in meiner Lehrtätigkeit nicht an Spontanität. Jeder Schritt, jede Geste, jedes Wort sind genau geplant und ausgeführt. Jedes Detail ist ein Puzzlestück des Gesamtgefüges.“

Dieser Ehrgeiz und Mut schwingt in nahezu jedem Satz ihres Buches mit. Ich rate jedem, der bei ihr praktiziert, und vor allem jedem Yogi in Deutschland, sich ihr Buch durchzulesen und sich dabei selbst zu hinterfragen. Thielemann regt zum Nachdenken an. Ich selbst habe beim Lesen einige Male pausiert,

Spirit Yoga - von Patricia Thielemann

Spirit Yoga – von Patricia Thielemann

mich selbst und auch ihre Lehransätze hinterfragt. Beispielsweise kritisiert sie Shiva Rea für ihr Selbst-Marketing, dafür, dass sie auf riesigen Postern in New York zu sehen war, sie selbst zelebriert Spirit Yoga aber fast genau so. Zwar hängen in Berlin nicht an jeder Straßenecke lebensgroße Poster, die sie in knappen Yogapants zeigen, aber ihr Studio selbst scheint eine Marketingmaschine geworden zu sein. Wer dort Yoga macht, gehört selbst zu Elite – zumindest scheinen das viele der Yoginis von sich zu glauben. Nach meinem Besuch dort hätte ich Thielemann gern selbst gesprochen und gefragt, ob sie sich damals nach ihrer Flucht aus LA aus der Welt der Schönheitoperierten und kreischenden Yogagirls  erträumt hätte, dass sie ähnliches Klientel in Berlin unterrichtet.

Viele namhafte Lehrer arbeiten in ihren Studios in der Hauptstadt. Und mit ihnen hat Thielemann das geschafft, was sie sich gewünscht hatte: Yoga westlich zu machen, ohne die indische Philosophie komplett auszuklammern.

Mein Fazit: Definitiv ist dieses Buch eine Lektüre wert! Es lädt zur Selbstreflexion ein, gibt Einblicke in die Yogawelt der 90er Jahre und die vorurteilsbehaftete, daher leicht poshige Fassade von Spirit Yoga. Im hinteren Teil des Buches sind Interviews zwischen Thielemann und einigen ihrer Wegbegleitern und Freunden gedruckt. Das ist eine gute Idee, um die etwas unnahbare, taffe Frau über andere kennenzulernen.

Die Daten zum Buch:

Spirit Yoga – Patricia Thielemann
Gütersloher Verlagshaus
224 Seiten
19,99 €
ISBN: 978-3-579-08674-3
Erschienen am 25. September 2017
Hier geht’s zum Buch.

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